H. Kaienburg: Das Konzentrationslager Sachsenhausen

Cover
Titel
Das Konzentrationslager Sachsenhausen 1936–1945. Zentrallager des KZ-Systems


Autor(en)
Kaienburg, Hermann
Erschienen
Berlin 2021: Metropol Verlag
Anzahl Seiten
733 S.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Janine Fubel, Historisches Institut, FernUniversität in Hagen

Das Konzentrationslager (KZ) Sachsenhausen nahm, folgt man Hermann Kaienburg, eine zentrale Stellung im nationalsozialistischen KZ-System ein. Denn der SS-Standort Oranienburg basierte ab 1936 nicht nur auf dem ersten, von SS-Architekten entworfenen Großlager. Vor den Toren Berlins siedelte sich dort wenige Jahre später auch die Zentrale des KZ-Systems an. Umso mehr verwundert es, dass auf eine Monografie zur Geschichte dieses KZ lange Zeit gewartet werden musste. Mit seiner 733 Seiten umfassenden Publikation, die sich zum Ziel setzt, „alle wichtigen Aspekte zur Geschichte des Konzentrationslagers zu beleuchten“ und die „Geschehnisse und Entwicklungen im KZ Sachsenhausen in all seinen Facetten“ (S. 20) darzustellen, hat Kaienburg diese Leerstelle geschlossen. Als ausgewiesener Kenner wendet er sich erneut dem KZ Sachsenhausen zu. Den Fokus legt er dabei auf das Geschehen im Oranienburger Hauptlager sowie auf die dort physisch und strukturell angewandte Gewalt. Hierfür gliedert Kaienburg seine detailreiche und quellengesättigte Studie, die als Grundlagenforschung gezählt werden kann, in neun Abschnitte.

Als Fundament seiner Ausführungen zum KZ Sachsenhausen legt Kaienburg im ersten Kapitel konzise die Geschichte des KZ-Systems, die er in die Zeit der frühen Konzentrationslager 1933 bis 1936 als Vorgeschichte des KZ Sachsenhausen und die Entwicklung der Konzentrationslager 1936 bis 1945 nach Übernahme des KZ-Systems durch die SS untergliedert. Das Kapitel dient der Einführung in die organisatorischen Strukturen, der inneren Organisationsweisen und der Behandlung der Insass:innen in den frühen KZ, die der NSDAP ab 1933 in allen deutschen Ländern zur Ausschaltung der politischen Opposition dienten. In Oranienburg – dem Standort des späteren KZ Sachsenhausen – betrieb die SA 1933/34 auf einem Brauereigelände ein Lager. Wie Kaienburg nachzeichnet, setzte im Zuge der Unterstellung aller bis 1935/36 noch bestehenden frühen Lager unter die SS-Führung die Verstetigung des KZ-Systems und die Planung von neuen großen Konzentrationslagerkomplexen ein – Sachsenhausen war hierbei 1936 der erste Großlagerneubau. Der Autor legt die zentralen Entwicklungsschritte des KZ-Systems dar, die ab 1939 in direktem Zusammenhang mit der deutschen Kriegführung standen und ab 1942/43 zunehmend den Anforderungen des Kriegsverlaufs unterworfen wurden: Bis 1944 kennzeichnete das KZ-System eine exorbitante sowie im Zuge der Etablierung des Außenlagersystems auch immense räumliche Ausweitung, die dem Ziel folgte, KZ-Insass:innen einem Gewaltregime zu unterwerfen und körperlich auszubeuten.

Nachdem Kaienburg den „Hintergrund […], vor dem sich das Geschehen in Sachsenhausen abspielte“ (S. 55), entfaltet hat, widmet er sich im zweiten Kapitel den organisatorischen Entwicklungslinien des KZ Sachsenhausen. Hierbei fokussiert er die bauliche und wirtschaftliche Entwicklung des KZ und legt dabei dar, dass der SS-Standort Oranienburg neben der KZ-Inspektion noch über zahlreiche weitere Einrichtungen der Waffen-SS verfügte, was die Charakteristik des KZ Sachsenhausen als Zentrallager verdeutliche. Des Weiteren befasst sich der Autor in diesem Untersuchungsabschnitt mit der Lagerorganisation sowie -beherrschung und widmet sich damit Fragen zum Lagerpersonal. Auf nur anderthalb Seiten sind hierbei die Ausführungen zu den Wachmannschaften sehr knapp ausgefallen, zu denen nach wie vor keine umfassende Studie vorliegt. Entsprechend interessant wäre es gewesen, an dieser Stelle etwas zur Rekrutierungspraxis und Organisation (1936–1945) zu erfahren; die dem KZ-Komplex 1944/45 unterstellten Aufseherinnen bleiben gänzlich ausgespart. Dafür widmet sich der Autor ausführlich sowohl dem zur Durchsetzung des Lagerregimes von der SS installierten, perfiden System der sogenannten Funktionshäftlinge als auch im folgenden Kapitelabschnitt der Situation der KZ-Insass:innen bei Einlieferung und deren sich im Krieg stark wandelnden Zusammensetzung.

Dass es ein zentrales Anliegen Kaienburgs ist, den Erfahrungen der Gefangenen Raum zu geben, verdeutlicht auch das anschließende dritte Kapitel, das umfangreiche Ausführungen zum Aspekt der Existenzbedingungen im KZ Sachsenhausen enthält. Hierfür unterscheidet er drei Zeiträume, die unterschiedliche Auswirkungen auf die Situation der Gefangenen hatten: die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Vorkriegszeit von 1936 bis 1939, die Existenzbedingungen in den Kriegsjahren bis zum Frühjahr 1942 und die Existenzbedingungen bis zum Kriegsende 1945, als der Einsatz der Gefangenen zur Zwangsarbeit für die deutsche Kriegswirtschaft von zentraler Bedeutung war. Mit knapp 200 Seiten stellt dieses Kapitel das umfangreichste in der gesamten Monografie dar und beleuchtet eindrücklich Aspekte des Gewalt- und Ausbeutungsregimes im KZ-Komplex Sachsenhausen, dem die Insassen – und ab 1944/45 auch Insassinnen – ausgeliefert waren.

In Kapitel vier widmet sich Kaienburg den Versuchen und Praktiken des medizinischen SS-Personals, denen Gefangene in Sachsenhausen unterworfen wurden. Zu diesen zählte zum einen die konsequente Durchführung der staatlichen NS-Gesundheits- und Sozialpolitik durch Sterilisierungen und Kastrationen. Zum zweiten erfolgten Menschenversuche, die beispielsweise die Wehrmacht in Auftrag gegeben hatte. Hinzu kam das Testen und Einüben von Tötungspraktiken, wie die Versuche mit Gaswagen. Kapitel fünf hat daraufhin die Entwicklung von (Massen-)Mordpraktiken, die das Lagerpersonal vor Ort in Sachsenhausen vollzog, zum Gegenstand. Dieser Untersuchungsabschnitt umfasst die Einrichtungen und Anlagen für Mordaktionen, die Morde an unterschiedlichen Gefangenen(-gruppen) im KZ Sachsenhausen und die Gewaltverbrechen an externen Gefangenen wie beispielsweise die Massenerschießung von circa 10.000 Rotarmisten im Herbst 1941. Beide Kapitel erläutern, wie extreme Gewalt in Sachsenhausen vom Lagerpersonal verübt und die Gewaltpraktiken für den deutschen Vernichtungskrieg „im Osten“ eingeübt wurden. Als die sowjetischen Kriegsgefangenen zur Ermordung verschleppt wurden, verlagerte sich die deutsche Vernichtungskriegführung im Herbst 1941 temporär auch (zurück) nach Sachsenhausen.

Kapitel sechs legt den Fokus erneut auf die Erfahrungen der Gefangenen. Kaienburg fragt hier nach Aspekten ihres durch das Lagerregime der SS erzwungenen Zusammenlebens, nach Selbstbehauptung sowie nach Solidarität und Widerstand. Seinen Fokus richtete er dabei auf Freundeskreise und Gruppenzugehörigkeit sowie die umfangreichen Hilfeleistungen in verschiedenen Bereichen des Hauptlagers wie dem Revier oder der Politischen Abteilung. Zudem legt der Autor dar, wie Gefangene versuchten, sich gegen sogenannte Funktionshäftlinge und Spitzel, die die Lager-SS für die „innere Sicherung“ des Lagers einsetzte, zur Wehr zu setzen. Ausgeblendet bleibt hierbei allerdings, dass die mehrheitlich jüdischen Deportierten, die das KZ Sachsenhausen im Zuge der Todestransporte erst im letzten Kriegsjahr erreichten, vielfach nicht mehr über den Zusammenhalt in überlebensnotwendigen Kleingruppen verfügten. Dieser schwand durch die brutalen Weiterdeportationen 1944/45, die unzählige Todesopfer forderten, zusehends.

In Kapitel sieben widmet Kaienburg sich daraufhin der „Evakuierungs-“ und Auflösungsphase, die das KZ Sachsenhausen 1945 selbst betraf und die in Todesmärschen mündete. Anschließend wendet er sich im achten Kapitel konzise dem Thema Tod und Sterblichkeit im KZ Sachsenhausen zu und schließt im neunten Kapitel mit einer Nachgeschichte des KZ. Deren Gelände nutzte die sowjetische Militäradministration als „Speziallager“; 1961 wurde dort die Nationale Mahn- und Gedenkstätte eröffnet. Sein Resümee nutzt Kaienburg, um zu betonen, dass es sich beim KZ Sachsenhausen 1936 bis 1945 nicht nur um ein Zentrallager, sondern auch um ein Laboratorium der Gewalt handelte, dass aus einer Zeit „gefährliche[r] politische[r] Verhältnisse wie die der Jahre 1930–1933“ erwuchs. Seine daran anschließende Frage lautet, ob „[…] wir sicher sein [können], dass künftig in einer derartigen Krise in unserem Land nicht erneut ähnliche Kräfte und Faktoren dazu führen, dass sich erneut eine menschenverachtende Diktatur etabliert“ (S. 530).

Kritisch anzumerken ist die Verwendung der historischen Fotografie auf dem Cover, da sie einen bildethischen Umgang vermissen lässt. Über die auf der Umschlagabbildung und damit an prominenter Stelle mittels Nahaufnahme aus Täterhand dargestellten Männer, die in der Vorkriegszeit inhaftiert waren und aufgrund der deutlich lesbaren Häftlingsnummern an der Kleidung vermutlich zu ermitteln gewesen wären, ist im Band keine weitere Information als die Quellenangabe zu finden. Stattdessen bleibt der Blick auf die kahlgeschorenen und starr vor Kälte stehenden Gefangenen(-körper) gerichtet. Auch wäre von Interesse gewesen, mehr über circa 1.000 Sinti:zze und Rom:nja zu erfahren, die von 1936 bis 1945 nach Sachsenhausen verschleppt worden waren. Dass diese Opfergruppe nur Erwähnung und kein eigenes Unterkapitel erhält, wird möglicherweise der äußerst prekären Quellenlage, die das Forschen zu bestimmten Fragestellungen und Phasen das KZ Sachsenhausen immens erschwert, geschuldet sein. Trotz der wenigen Leerstellen stellt der umfangreiche Band Kaienburgs einen elementaren Beitrag zur Forschung zum nationalsozialistischen KZ-System dar und schließt die Lücke, die bezüglich einer Überblicksdarstellung zum KZ Sachsenhausen lange bestand, mit einem gewichtigen Nachschlagewerk. Der sehr gute und übersichtliche Aufbau des Werks wird allen als unverzichtbare Lektüre dienen, die sich einen quellenfundierten Überblick über die Geschichte des KZ und seine Bedeutung im nationalsozialistischen KZ-System verschaffen oder zu spezifischen Aspekten dieses Komplexes nachlesen wollen.